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Ursachen und Konsequenzen weltweit steigender Lebensmittelpreise

Hannover (nds. ML). Steigende Preise für Lebensmittel und Agrarrohstoffe sind zurzeit ein viel diskutiertes Thema. Dabei werden Fakten und Argumente oft sehr verkürzt dargestellt und mit einfachen Botschaften, wie z. B. eine mangelnde Verantwortung der Agrarpolitik der Industrieländer für die Welternährung, verbunden. Richtig ist, dass sich die Weltagrarmärkte seit einigen Monaten im Umbruch befinden. Welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, kann allerdings nicht mit wenigen Worten oder einfachen Konzepten beantwortet werden. Im Folgenden möchten wir Ihnen als Hintergrundinformation einige Gedanken aus dem Landwirtschaftsministerium zur Verfügung stellen:

Die Entwicklung der Verbraucherpreise für Lebensmittel hat in der Vergangenheit maßgeblich zur Dämpfung des Anstiegs der Lebenshaltungskosten in Deutschland beigetragen. Die Lebensmittelpreise sind über viele Jahre hinweg langsamer angestiegen als die Verbraucherpreise insgesamt (1991-2007 um rd. 18 %, Verbraucherpreise um rd. 37 %).

Im europäischen Vergleich sind Nahrungsmittel in Deutschland günstig. In einer Eurostat-Untersuchung aus dem Jahr 2006 waren Nahrungsmittel in zehn der EU-15 Länder teurer als in Deutschland. Nur in Portugal, den Niederlanden, Spanien und Griechenland konnte man den vergleichbaren Warenkorb von Nahrungsmitteln und alkoholfreien Getränken noch günstiger erwerben als in Deutschland.

Im vergangenen Jahr haben sich die Lebensmittelpreise in Deutschland aber deutlich erhöht.

Insgesamt haben sich Nahrungsmittel auf der Verbraucherstufe im März 2008 gegenüber März 2007 um 8,6 % verteuert. Damit haben sich die Preise für Nahrungsmittel innerhalb eines Jahres ähnlich stark erhöht wie in den zehn Jahren zuvor (von März 1997 bis März 2007: + 9,0 %).

Die jüngsten Preissteigerungen für Nahrungsmittel sind ursächlich in der weltweit steigenden und sich verändernden Nachfrage nach Lebensmitteln und Agrarrohstoffen begründet und nicht Folge einer veränderten Agrarpolitik.

Der spürbare Anstieg der Agrarrohstoffpreise ist auf das Zusammentreffen verschiedener Faktoren zurückzuführen:

- Wachsende Kaufkraft und Anstieg der Nachfrage nach veredelten Produkten (Fleisch, Milchprodukte)
insbesondere im asiatischen Raum (China, Indien).

- Weltweites Bevölkerungswachstum (jährlich rd. 80 Mio. Menschen).

- Starker Anstieg der Rohölpreise und damit auch steigende Produktionskosten in der Landwirtschaft
(z. B. Diesel und Strom).

- Durch steigende Energiepreise höhere Wettbewerbsfähigkeit von Agrarrohstoffen zur
Energiegewinnung.

- Begrenzte landwirtschaftliche Nutzflächen, teilweise abnehmende Ertragssteigerungen und damit nur
langsam anwachsende weltweite Nahrungsmittelproduktion.

- Andauernder Nutzflächenverlust für Siedlungs- und Infrastrukturzwecke sowie für
Kompensationsmaßnahmen nach Naturschutzrecht.

Hinzu kommen historisch niedrige Weltgetreidevorräte, Handelsbeschränkungen, politische Instabilitäten in bestimmten Weltregionen, Vernachlässigung der Landwirtschaftspolitik in vielen Entwicklungsländern sowie spekulative Investments in Agrarrohstoffe.

Längerfristig sind die Nachfrageentwicklung für Veredelungsprodukte sowie die Erschließung neuer Nutzflächen für die landwirtschaftliche Produktion jedoch preiselastisch, d. h. sowohl Angebot und Nachfrage werden auf höhere Preise reagieren. Durch höhere Agrarrohstoffpreise nimmt zugleich die Wettbewerbsfähigkeit der Bioenergie wieder ab.

Renommierte Schätzungen zur Entwicklung der Weltmarktpreise für wichtige landwirtschaftliche Produkte gehen von einem aktuellen Preishoch aus. Bei Milchprodukten und Getreide liegen die Preisspitzen bereits in der Vergangenheit. Die Schätzungen zeigen für die nächsten Jahre Werte deutlich unter den jüngst erzielten Spitzenpreisen, aber über den Preisen der vergangenen Jahre und teilweise Jahrzehnte an. In der Vergangenheit sind die realen Nahrungsmittelpreise weltweit nicht zuletzt wegen der "grünen Revolution" stetig gesunken. Dieser Trend wird sich voraussichtlich umkehren und vor allem für die ärmsten Bevölkerungsschichten in der Welt zum Teil schwerwiegende Folgen haben.

Die Welternährungskrisen sind nicht in erster Linie die Folge einer insgesamt zu geringen Nahrungsmittelproduktion auf der Welt, sondern vor allem Folge von Armut und fehlender Kaufkraft. Die absolute Zahl und der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben und von weniger als 1 US$ pro Tag leben müssen, nahm in den vergangenen Jahren ab. Gleichzeitig nahm die Ungleichheit sowohl zwischen Bevölkerungsgruppen innerhalb der Entwicklungsländer als auch zwischen Ländern zu.

Die Zahl hungernder Menschen in Entwicklungsländern steigt absolut an, allerdings langsamer als die Bevölkerung anwächst. Die meisten Hungernden leben in Asien und der Pazifikregion (524 Millionen), gefolgt von Afrika südlich der Sahara (206 Millionen). Auch in Lateinamerika (52 Millionen), dem Nahen Osten (38 Millionen) und vielen osteuropäischen Ländern ist Hunger ein Problem. Jedes Jahr sterben etwa 8 Millionen Menschen an Hunger, hauptsächlich Kinder.

Steigende Lebensmittelpreise werden diese Probleme tendenziell verschärfen. Hinzu kommt, dass sich der Klimawandel voraussichtlich negativ auf die weltweite Nahrungsmittelproduktion - gerade in Armutsregionen - auswirken wird. Hunger und Unterernährung werden daher ein großes Problem bleiben. Verstärkt wird es dadurch, dass Wirtschaftswachstum, Kaufkraft und Bildung gerade die Ärmsten der Welt nicht erreichen – häufig mangelt es in betroffenen Staaten an "good governance".

Ob Entwicklungsländer durch höhere Agrarpreise generell mehr Nach- oder Vorteile haben, kann nicht pauschal beantwortet werden. Während sich Importe von Agrarprodukten verteuern, steigen gleichzeitig die Erlöse für heimische landwirtschaftliche Produkte. Gerade die ländliche Bevölkerung in Entwicklungsländern kann daher über steigende Erlöse für ihre Produkte von dieser Entwicklung auch profitieren. Voraussetzung dafür sind politische und ökonomische Rahmenbedingungen, die dies auch ermöglichen.

Der Rohölpreis hat sich in kurzer Zeit mehr als verdoppelt. Dies führt dazu, dass die Gewinnung von Energie aus Agrarrohstoffen in fast allen Regionen der Welt rentabler wird. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Verbrauch pflanzlicher Öle um über 30 Mio. t oder etwa ein Drittel (32,4 %), insbesondere für die Ernährung, erhöht.

Die weltweite Bioethanolproduktion betrug 2007 rd. 60 Mrd. Liter. Hauptproduzenten sind die USA und Brasilien. Der EU-Anteil lag 2005 bei rd. 6 %. Die angestrebte Beimischung von 5,75 % Bioethanol erfordert in der EU eine Menge von 11-12 Mrd. Litern Bioethanol.

Bei der Produktion von Biodiesel führt die EU-27, allerdings bei einer wesentlich niedrigeren Weltproduktion im Vergleich zum Ethanol in Höhe von rd. 8 Mio. Tonnen 2007. Innerhalb der EU werden überwiegend Raps, außerhalb vorwiegend Sojaöle und Palmöle zu Biodiesel verarbeitet. Das Beimischungsziel der EU von 5,75 % erfordert einen Biodieselbedarf von 11 Mio. Tonnen.

Derzeit werden in der EU-27 nur knapp 5 Mio. t Getreide zur Erzeugung von Bioenergie verwendet (1,6 % der Produktion). Die EU Kommission geht davon aus, dass dieser Wert bis zum Jahr 2014 auf gut 18 Mio. t ansteigen wird (rd. 6 % der Erzeugung). Gemessen an einer Weltgetreideerzeugung von über 2 Mrd. t sind diese Anteile zu gering, um die Weltgetreidepreise maßgeblich beeinflussen zu können.

Die energiepolitischen Ziele der EU und der Bundesrepublik können nicht allein auf Basis heimischer Produktion erreicht werden. Bereits heute werden erhebliche Rohstoffmengen (z. B. 670.000 t Pflanzenöl und 600.000 t Biodiesel zuzüglich Rohstoffe für heimische Biodieselproduktion) importiert. Hinzu kommt, dass die Hauptethanolerzeugerländer, insbesondere die USA, ihre Produktion weiter ausdehnen. Die zunehmende Verwendung von Agrarrohstoffen zur Erzeugung von Bioenergie kann deshalb gerade bei unterversorgten Weltmärkten Preisschwankungen für Nahrungsmittel verstärken. Dies wiederum hat die größten Auswirkungen auf Entwicklungsländer und arme Haushalte.

Die europäische Agrarpolitik wurde insbesondere seit Beginn der 90er Jahre umfassend reformiert. Mit der Einführung entkoppelter Direktzahlungen werden keine Produktionsanreize mehr gewährt. Der überwiegende Anteil der EU-Agrarausgaben ist darüber hinaus an die Einhaltung verbindlicher Produktionsstandards im Verbraucher-, Tier- und Umweltschutz gebunden, die weit über dem international üblichen Niveau liegen. Die Zeit der Butterberge und Milchseen ist vorbei und der Umfang der Exporterstattungen ist von über 10 Mrd. € Anfang der 90er Jahre und 5,6 Mrd. € im Jahr 2000 auf aktuell nur noch 1,2 Mrd. € (2007) gesunken, das sind weniger als 1 % des EU-Haushaltes. Die EU ist inzwischen der weltweit größte Importeur von Agrarerzeugnissen aus Entwicklungsländern. Sie importiert aus diesen Ländern mehr Waren als die USA, Japan, Kanada, Australien und Neuseeland zusammen.

Ein "Exportdumping" von EU Agrarerzeugnissen auf die Weltmärkte, so wie zu den Zeiten der "alten Agrarpolitik", findet so gut wie nicht mehr statt. Darüber hinaus hat die EU im Rahmen der WTO-Verhandlungen den vollständigen Verzicht auf Exporterstattungen bis zum Jahr 2013 angeboten. Das international anerkannte Forschungsinstitut IFPRI stellt fest, dass ein offener Welthandel mit landwirtschaftlichen Gütern den Entwicklungsländern allgemein zugute käme, obgleich sich die Armut nur in bestimmten Bevölkerungsgruppen signifikant reduzieren würde.

Die weltweit steigende Nachfrage nach Agrarrohstoffen bietet für die niedersächsische Land- und Ernährungswirtschaft viele Chancen. Auf gut 2,6 Mio. ha landwirtschaftlich genutzter Fläche (LF) können Agrarrohstoffe und Lebensmittel erzeugt werden. In Niedersachsen stehen pro Kopf gut 3.250 qm LF zur Verfügung, bundesweit sind es nur knapp 2.100. Die niedersächsische Ernährungswirtschaft steht in enger Verflechtung mit der landwirtschaftlichen Produktion. Aufgrund des hohen Aufkommens landwirtschaftlicher Rohstoffe in Verhältnis zum Bedarf der Einwohner (Selbstversorgungsgrad Kartoffeln ca. 500 %, Eier, Geflügel und Zucker ca. 300 %, Schweinefleisch ca. 250 % und Milch ca. 200 %) ist Niedersachsen eine ausgeprägte Exportregion für landwirtschaftliche Rohstoffe und deren Verarbeitungsprodukte. In Niedersachsen leben knapp 10 % der deutschen Bevölkerung und es werden 9 % des BIP erwirtschaftet, jedoch entfallen 14 % des Umsatzes der deutschen Ernährungswirtschaft auf NI.

Auf gut 11 % der rd. 1,8 Mio. ha großen Ackerfläche Niedersachsens werden Pflanzen zur Bioenergieerzeugung angebaut, bundesweit sind es knapp 15 %. Damit stehen fast 90 % der niedersächsischen Ackerfläche immer noch für die Erzeugung von Nahrungs- und Futtermitteln zur Verfügung. Während in Niedersachsen rd. 60 % der Energiepflanzen für die Biogasnutzung und nur 40 % für Biokraftstoffe angebaut werden, sind es in Deutschland 23 % für Biogas und 77 % für Biokraftstoffe. Durch die Ganzpflanzennutzung ist die Flächen- und Energieeffizienz der Biogasnutzung anderen Formen der Bioenergienutzung überlegen. Auf diese Weise leistet die niedersächsische Landwirtschaft mit einem relativ geringen Flächeneinsatz einen vergleichsweise effektiven Beitrag zur Erreichung der deutschen Bioenergieziele. Innovationen und technischer Fortschritt können die Effizienz in der Biogasnutzung noch weiter verbessern (Züchtung, Einspeisung von Biogas in das allgemeine Erdgasnetz, Biogasnutzung als Treibstoff oder in Brennstoffzellen). In Niedersachsen wurden mit dem Ausbau der Biogasnutzung Maßstäbe gesetzt und positive Entwicklungen im ländlichen Raum stimuliert. Trotz der zunehmenden Bedeutung der Bioenergie wird die Erzeugung von Nahrungsmitteln Schwerpunkt der nds. Landwirtschaft bleiben. Die Weiterentwicklung der Bioenergie wird sich stärker auf die Nutzung landwirtschaftlicher Nebenprodukte, wie Stroh und Gülle oder auch Biomasse aus der Landschaftspflege, stützen. Dadurch können die Ansprüche der Nahrungsmittel- und Bioenergieerzeugung besser miteinander verbunden werden.

Insgesamt werden daher die folgenden Handlungsoptionen für sinnvoll erachtet:

1. Budgets für ad hoc Nahrungsmittelhilfen erhöhen.

2. Entwicklungshilfe für die ärmsten Länder verbessern und dabei verstärkt die Landwirtschaft in
besonders betroffenen Regionen berücksichtigen.

3. Armut bekämpfen und in Bildung investieren.

4. Auf "Good governance" in Entwicklungsländern hinwirken

5. Handelshemmnisse beseitigen und faire globale Agrarhandelsregeln gestalten.

6. Wege zur Realisierung der energiepolitischen Ziele in der EU und in D unter Effizienzgesichtspunkten
überprüfen.

7. Produktionspotentiale der Landwirtschaft mittels technologischer Fortschritte konsequent nutzen.

8. Internationale Agrarforschung unterstützen und technologische Entwicklungen fördern.

9. Europäische Agrarpolitik weiter in Richtung "Entkopplung von der Produktion" entwickeln.

Unmittelbare Konsequenzen für die niedersächsische Landwirtschaft und die Agrarpolitik ergeben sich in folgenden Bereichen:

• Die Niedersächsische Landwirtschaft muss ihre Ertragspotentiale durch moderne und
standortangepasste Produktionsmethoden ausschöpfen.

• Der Verbrauch landwirtschaftlicher Nutzflächen durch Versiegelung oder dauerhafte Stilllegung als
Ausgleichsfläche ist spürbar zu begrenzen.

• Die Anforderungen eines weitgehend freien internationalen Warenverkehrs erfordern eine weitere
Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der niedersächsischen Landwirtschaft.

• Die Abschaffung der Flächenstilllegung und der Energiepflanzenprämie im Rahmen der Überprüfung
der Gemeinsamen Agrarpolitik ist von Niedersachsen zu unterstützen.

• Die Bioenergie sollte sich stärker auf die Nutzung landwirtschaftlicher Nebenprodukte (z. B. Gülle,
Biomasse aus Landschaftspflege) stützen, um die Konkurrenz auf den Nahrungsmittelmärkten zu
verringern. Dies ist auch im Rahmen der Novellierung des EEG zu berücksichtigen.

Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen zog dazu folgendes Fazit: "Die dargestellten Zusammenhänge zeigen sehr deutlich, dass die aktuellen Entwicklungen auf den Nahrungsmittelmärkten der Welt im Wesentlichen auf den globalen Wettbewerb der Kaufkraft zurückzuführen sind. Mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung vieler Schwellenländer und Preissteigerungen bei fossilen Energieträgern, wird sich dieser Trend in Zukunft eher noch verschärfen. Für die Ärmsten der Armen kann sich dadurch der Zugang zu ausreichender und ausgewogener Ernährung weiter erschweren. Die Landwirtschaft ist vor diesem Hintergrund weltweit gefordert, die jeweiligen Produktionspotentiale standortgerecht zu nutzen und weiter zu entwickeln. "

Presseinfo
Artikel-Informationen

26.02.2010

Ansprechpartner/in:
Dr. Gert Hahne

Nds. Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung
Calenberger Str. 2
30169 Hannover
Tel: (0511)120-2138
Fax: (0511)120-2382

http://www.ml.niedersachsen.de

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