Nds. Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz klar

Interviews

Agrarminister Meyer: Landwirtschaft muss wieder bienenverträglicher werden

„Neonikotinoide verbieten" - Lob an Bauern für Kooperation beim Imkerbonus


Hannover. Sein Engagement für Bienen und Blühstreifen haben die Berufs- und Erwerbsimker in Deutschland mit dem Goldenen Stachel ausgezeichnet - als bundesweit erstem Minister ist Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer diese Ehre zuteil geworden. Was ihn an der Biene fasziniert und was er in seinem Amt dafür tut, damit es nicht zu einem Aussterben dieses Nutztieres und damit einer Gefährdung der menschlichen Existenzgrundlage kommt, erzählt er in folgendem Interview.



 
Zoombild / © ML

Herr Minister, was fasziniert Sie so an Bienen?

Christian Meyer: Bienen sind ein ganz wichtiger Indikator für eine intakte Umwelt, und sie liefern uns natürlich leckere, süße Stoffe wie Honig. Vor allem: Die Bienen sind als Bestäuber für unsere Umwelt unverzichtbar. Wir hätten keine Blütenpracht ohne Bienen. Deshalb sind diese sehr intelligenten Tiere besonders für uns Menschen wichtig.

Nun gibt es im Ministerium eine Premiere. Was hat es damit auf sich?

Christian Meyer: Heute findet eine Art Schulungstag für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ministeriums statt, die sich mit Imkerei und Bienen beschäftigen wollen. Seit einem Jahr macht das Ministerium zudem bei der Aktion „Hannover summt" mit



und bietet in seinem Garten zwei Bienenvölkern mit je rund 40.000 Bienen Platz, die regelmäßig von Imkerin Tina Heinz betreut werden. Auf diese Weise wollen wir dafür werben, dass man eben auch in Städten Bienen halten und sich daran erfreuen kann.

Was kann man dafür tun, damit es den Bienen nicht nur besser geht, sondern diese vor allem auch überleben - trotz Insektiziden und Pestiziden?

Christian Meyer: Ganz wichtig ist, dass die Bienen gute Nahrung finden, also geeignete Blühpflanzen - und zwar nicht nur im Frühjahr, sondern auch im Sommer. Nur dann können sie auch gute Erträge erzielen. Deshalb fördert das Land Blühstreifen auf landwirtschaftlichen Flächen oder informiert Hobbygärtner über Wege zu einem blühenden Garten, der sich für Bienen, Wildbienen und Hummeln eignet. Und wir setzen uns dafür ein, dass nicht so viele für die Bienen gefährliche Gifte in der Landwirtschaft verwendet werden. Denn schon jetzt ist ein Rückgang von Bienenpopulationen auf landwirtschaftlichen Flächen zu beobachten. Deshalb müssen wir den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erheblich einschränken

Was wäre denn die Folge, wenn es immer weniger Bienen oder - noch krasser - eines Tages gar keine Bienen mehr gäbe?

Christian Meyer: Es gibt ja das vermeintliche Einstein-Zitat: ,Stirbt die Biene aus, hat die Menschheit noch vier Jahre zu leben'. Darin steckt viel Wahres: Ohne die Bestäubungsleistung der Bienen fehlen die Erträge und damit die Produktion. Fast die Hälfte aller Pflanzen, von denen sich die Menschen ernähren, ist von einer Bestäubung abhängig. Das kann man nicht einfach so ersetzen. Der volkswirtschaftliche Schaden beliefe sich auf Milliardenhöhe. Man denke nur an die Region Altes Land: Niedersachsen ist bundesweit Obstbauland Nummer 1. Wir brauchen die Bienen, um Obst zu erzeugen. Es gibt keine Umwelt ohne Bienen.


 
Zoombild / © ML

Inwieweit hat die Landwirtschaft eine besondere Verantwortung?

Christian Meyer: Dadurch, dass der Maisanbau immer mehr zugenommen hat, Monokulturen entstanden sind und verschiedenste Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen, ist die Zahl der Insekten zurückgegangen. Unser Ziel muss sein, die Landwirtschaft wieder bienenverträglicher zu gestalten - zum Beispiel mit weniger Pflanzenschutzmitteln. Ein großes Risiko ist insbesondere die Stoffgruppe der Neonikotinoide. Da freut es mich natürlich, dass diese Erkenntnis offenbar nun auch bei Bundesagrarminister Christian Schmidt gewachsen ist. Und dass er deshalb gestern per Eilverordnung das Aussäen von Wintergetreide-Saatgut unterbunden hat, das mit bestimmten Neonikotinoiden behandelt worden ist. Aber diese Einsicht kommt leider wieder einmal reichlich spät. Diese Stoffe müssen verboten werden, denn sie sind laut EU für Bienen besonders gefährlich. Notwendig ist aber auch eine bessere Fruchtfolge auf den Feldern, mehr blühende Pflanzen, mehr sprießende Saumränder wie Blühstreifen. Ich bin da, was Niedersachsen anbelangt, ganz optimistisch: So viele Blühstreifen und Jungimker wie jetzt hatten wir noch nie. Und auch ein großes Lob an die Landwirte: Sie ziehen mit, nutzen den unter Rot-Grün etablierten Imkerbonus. Das finde ich toll!

Im Kinofilm „More than Honey" von Markus Imhoof kommen zwei prägnante Szenen: einmal aus den USA, wo Bienenvölker wegen Monokulturen zur Bestäubung durch die Gegend transportiert werden, zum anderen aus Asien, wo die Bienenpopulation so dezimiert ist, dass Menschen deren Arbeit übernehmen müssen, in Bäumen sitzen und - per Hand - die Bestäubung vornehmen. Drohen vergleichbare Horrorszenarien hierzulande?

Christian Meyer: Wenn wir zu wenige Bienen haben, bekommen wir Probleme mit der Obsternte. Eine Warnung, wie schlimm es werden könnte, war zum Beispiel vor einiger Zeit das Sterben Tausender Bienenvölker in Süddeutschland, das durch ein Pestizid verursacht worden ist. So etwas kann natürlich auch in Niedersachsen geschehen. Deshalb muss man da große Vorsicht walten lassen. Dass Imker mit ihren Bienenvölkern umherziehen, kommt übrigens auch in Niedersachsen vor, etwa im Alten Land. Das zeigt aber auch: Müssten wir diese Arbeit der fleißigen Bienen durch Menschen und manuelle Arbeit ersetzen, wäre das unbezahlbar. Und unsere Nahrungsversorgung wäre in höchster Gefahr.

Im vergangenen Jahr ist zum ersten Mal Honig aus dem Ministergarten geerntet worden. Was ist künftig zu erwarten, auf welche Geschmacksrichtungen dürfen wir uns freuen?

Christian Meyer: Voriges Jahr haben wir Honig von wirklich exquisiter Qualität geerntet. Die Rückmeldungen zu diesem leckeren Honig waren durch die Bank positiv. Nach der Pollenanalyse des Bieneninstituts Celle - das ja eine Einrichtung des Landes ist und nicht nur in Forscherkreisen einen weltweit exzellenten Ruf genießt - war die Lindenblüte mit einem hohen Anteil vertreten, aber auch Götterbaum, Gleditschien und wilder Wein. Also: Wir haben in Hannover sehr gute Bedingungen für hochqualitativen Honig. Und vielleicht schaffen wir ja bald auch eine neue Marke, wie zum Beispiel „Meyers Blütenträume". (kj)


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