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Agrarminister Meyer: Milchbauern brauchen Hilfe wegen existenzbedrohender Tiefpreise

„Niedersächsisches Weidemilchprogramm kann Chancen für höhere Vergütung bieten“

Hannover.Sechs Jahre nach der großen Milchkrise und dem Bauernstreik sowie rund 100 Tage nach dem Ende der EU-Milchquote sorgen erneut existenzbedrohende Tiefpreise für Turbulenzen am Milchmarkt. In Niedersachsen sind die Erzeugerpreise bereits erheblich gesunken. Teils liegen sie sogar unter 27 bis 29 Cent pro Kilogramm Milch. Das Aus der EU-Quotenregelung Anfang April hat die Situation zusätzlich verschärft. „Für das Wegfallen jeglicher Regeln am Milchmarkt trägt die Bundesregierung die Verantwortung. Sie darf unsere Milchbauern in dieser Misere jetzt nicht allein lassen", forderte Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer auf einer Pressekonferenz heute (Montag) in Hannover zusammen mit Romuald Schaber, dem Vorsitzenden des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). Mit dabei war zudem Achim Spiller, Professor für Lebensmittelmarketing an der Georg-August-Universität Göttingen.

Angesichts der prekären Lage für die Milchbauern schlug der Minister die Anwendung neuer Kriseninstrumente vor - etwa das Marktverantwortungsprogramm des BDM, ein Modell, das einen freiwilligen Produktionsverzicht gegen Ausfallentschädigung vorsieht. Meyer: „Denn es ist deutlich zu viel Milchmenge am Markt. Und Supermärkte drücken die Preise auf ein Niveau, von dem viele Bauern nicht leben können. Daher muss es Anreize zur Mengenregulierung geben." Die Kriseninterventionsinstrumente gegen Preisverfall müssten auf EU- und Bundesebene verbessert und ausgebaut werden. „Das Qualitätsprodukt Milch hat einen besseren Preis verdient und darf kein Fall für die Resterampe sein. Es kann doch nicht sein, dass ein Liter Milch billiger ist als eine Flasche Mineralwasser", sagte der Minister.

Meyer forderte Bundesagrarminister Christian Schmidt auf, „nicht mehr die Lage schönzureden", sondern sich auf EU-Ebene für wirksame Hilfen an die bäuerlichen Milchviehbetriebe einzusetzen. „Neben dem Ausbau der EU-Marktbeobachtungsstelle zu einem wirksamen Frühwarnsystem mit Indizes wie ‚Europäischer Rohstoffwert Milch' oder ‚Futterkostenindex' sind weitere Instrumente nötig. Das Nichtstun der Bundesregierung haben unsere Milchbauern jedenfalls satt", sagte Meyer. Als weitere Stabilisierungsmechanismen für den Milchpreis nannte er eine Mengenminderung, staatlich geförderte Versicherungssysteme zur Liquiditätssicherung sowie schnelle Liquiditätshilfen, „um in Krisenzeiten die Existenz von Landwirten zu sichern".

BDM-Vorsitzender Schaber warnte, die aktuelle Milchmarktentwicklung zeige, „dass umgehend ein effizientes Sicherheitsnetz für den EU-Milchmarkt installiert werden muss". Schaber schlug eine „Art Werkzeugkasten" vor, der sowohl aus den bisherigen Instrumenten private Lagerhaltung und staatlicher Intervention bestehen solle, „aber zugleich erweitert wird um ein Frühwarnsystem für den globalen Milchmarkt sowie die Möglichkeit, in Marktkrisenzeiten die EU-Milchanlieferung zumindest zeitlich befristet zu deckeln". Schaber: „Die aktuellen Milchpreise von unter 30 Cent für den Liter Milch sind inakzeptabel und gehen zu Lasten von Mensch und Tier. Wir Milchbauern brauchen die Unterstützung der Politik."

Das niedersächsische Weidemilchprogramm ist nach Meyers Worten eine Möglichkeit, um höhere Erzeugerpreise zu ermöglichen. Der Minister: „Niedersachsen ist Weideland Nr.1 in Deutschland. Nirgends sind so viele Kühe auf der Weide wie hier." Deshalb sei es höchste Zeit, das Produkt Weidemilch, „das ganz klar auch ein großer Verbraucherwunsch ist", wirksam zu vermarkten. In den Niederlanden werde schon 80 Prozent der Frischmilch als zertifizierte Weidemilch verkauft. Auch beim Käse seien gute Potenziale für eine Weidemilchkennzeichnung und Förderung möglich. Zu dem Thema habe das Land Professor Spiller beauftragt, die Marktpotenziale für Weidemilch zu eruieren. „Wir wollen Weidemilch in Niedersachsen zu einem Markenzeichen machen, um die Leistung der Milchbauern zu honorieren, die ihre Kühe auf der Wiese grasen lassen", sagte Meyer. „Was in den Niederlanden klappt, sollte uns doch auch gelingen", sagte er und spielte auf bereits erfolgreiche Maßnahmen im Nachbarland an. „Für die Holländer ist ‚100 Prozent Nederlandse Weidemelk' ein Verkaufsschlager, sogar in Discountern. Das müssen wir auch hinbekommen", so der Minister. Meyer sagte, dass Niedersachsen derzeit ein Label entwickle, „das für Wertschätzung bei den Verbrauchern sorgt und Kaufbereitschaft für ein Produkt mit einem angemessenen Preis weckt - damit die Leistung der Landwirte für artgerechte Tierhaltung, Erhalt von Grünland und damit positive Effekte beim Klima- und Umweltschutz sowie auch für die Pflege von Kulturlandschaft so gewürdigt wird, wie die Bauern es verdient haben".

Die Chancen für ein Erreichen dieses Ziels stehen ausgesprochen gut. Das bestätigte Spiller. Der Professor für Lebensmittelmarketing hat in repräsentativen Befragungen die Meinung der Verbraucher zum Thema Weidemilch erforscht. „Unsere Befragungsergebnisse zeigen, dass die Bürger und Bürgerinnen davon ausgehen, dass die Weide die deutlich beste Form der Kuhhaltung darstellt", so Spiller. „Eine reine Stallhaltung wird mehrheitlich kritisiert." Der dringende Rat des Professors: „Die Milchwirtschaft in Niedersachsen sollte sich daher aus Eigeninteresse, also um den guten Ruf der Milch zu bewahren, für eine Beibehaltung der Weidewirtschaft einsetzen." Weidehaltung der Kühe sei „ein ganz wichtiges potenzielles Kaufargument". Das verdeutlichten auch sehr positive Beispiele aus den Niederlanden und Österreich. Der Minister: „Milch als ein nachhaltiges Lebensmittel soll ein Verkaufsschlager werden. Wir wollen das Label ‚Weidemilch aus Niedersachsen' zu einer bärenstarken Marke machen - zum Wohle einer bäuerlich geprägten, tiergerechten und flächengebundenen Milcherzeugung."

Wie wichtig eine derartige Kennzeichnung wäre, machte Spiller deutlich: Vielen Verbrauchern sei bisher in Niedersachsen noch gar nicht klar geworden, dass immer mehr Kühe in reiner Stallhaltung gehalten werden. „Von der Zielgruppe für Weidemilchprodukte, die nach unserer Studie bei gut 30 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher liegt, wird daher bislang nur ein kleinerer Teil angesprochen. Dies hat auch damit zu tun, dass es kein geschütztes und bekanntes Label für Weidemilch gibt." Der Minister ergänzte: „Die Tendenz zur ganzjährigen Stallhaltung gerade in sehr großen Milchviehbetrieben können wir nicht tatenlos hinnehmen. Grasende Kühe dürfen nicht zum Auslaufmodell werden." Mit großer Sorge nehme er Prognosen zur Kenntnis, „wonach ab 2025 die Weidehaltung von Milchkühen in Deutschland bei Null liegen wird. Das kann doch niemand wollen", so Meyer.

Niedersachsen will das ändern und hat beim Thema Weidemilch bereits erste starke Akzente gesetzt: Fast genau vor einem Jahr ist ein ambitioniertes, vom Land mit insgesamt rund 275.000 Euro gefördertes Weidemilchprogramm initiiert worden. Es läuft drei Jahre, Ziel ist unter anderem die Entwicklung eines Labels. Und erst vor wenigen Wochen hat Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer der Norddeutschen Milcherzeugergemeinschaft (NordMeG) eine Förderung bis Ende 2016 in Höhe von rund 50.000 Euro überreicht. So soll nach dem Aus der EU-Milchquotenregelung die Selbstorganisation von Landwirten unterstützt werden, damit sie gemeinsam Milch vermarkten und so eine stärkere Verhandlungsposition haben.

Meyers Fazit: „Die hübschen Bilder auf Milchverpackungen mit grasenden Kühen auf der Weide sind schon jetzt oft eine Täuschung der Verbraucher, weil zunehmend Kühe überwiegend oder sogar ganzjährig im Stall gehalten werden. Dieser Etikettenschwindel muss aufhören." Der Minister weiter: „Weidemilch hat bei Verbraucherinnen und Verbrauchern einen so hohen Stellenwert, dass sie eine besondere Kennzeichnung verdient hat - und einen höheren Preis."

Daten und Fakten zum Milchmarkt in Niedersachsen, Deutschland und Europa:

  • Die Erzeugerpreise liegen derzeit in Niedersachsen unter 29 Cent pro Kilogramm Milch. Die Tendenz ist eher fallend
  • Die Zahl der Milchviehhalter in Niedersachsen ist von 2010 bis 2014 um rund 16,4 Prozent gesunken - ein Rückgang um rund 2.200 Betriebe: Nach zuvor etwa 13.400 Betrieben gibt es nun noch ungefähr 11.200 Milchviehhalter in Niedersachsen
  • Im gleichen Zeitraum, also von 2010 bis 2014 ist die in Niedersachsen erzeugte Milchmenge von 5,73 Millionen Tonnen auf 6,68 Millionen Tonnen gestiegen. Das entspricht einem Zuwachs von 14,22 Prozent
  • Auch die Zahl der Milchkühe hat sich erhöht: Nach 776.442 Tieren im Jahr 2010 wurden 2014 insgesamt 849.500 Kühe gezählt, also 73.058 Tiere mehr. Das entspricht einem Anstieg um 8,6 Prozent
  • Zum Vergleich der Milchmarkt in Deutschland: Von 2010 bis 2014 sank bundesweit die Zahl der Milchbauern von 93.500 auf 77.700, ein Rückgang um 15.800 Betriebe oder 16,88 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die in Deutschland erzeugte Milchmenge um 7,36 Prozent - von 29,08 Millionen Tonnen im Jahr 2010 auf 31,39 Millionen Tonnen im Jahr 2014, binnen fünf Jahren also ein Zuwachs von 2,31 Millionen Tonnen. Auch die Zahl der Milchkühe ist in dem Fünfjahreszeitraum gestiegen: 2010 waren es noch rund 4,2 Millionen Kühe, Ende 2014 wurden bereits 4,3 Millionen Tiere gehalten. Das entspricht einem Anstieg um ungefähr 114.000 Milchkühe, also etwa 2,65 Prozent
  • In Europa stieg die Zahl der Milchkühe von 2010 bis 2014 von rund 23,1 Millionen Tieren auf etwa 23,6 Millionen Tiere. Der Anstieg um rund 467.000 Tiere entspricht einem prozentualen Zuwachs von etwa 1,98 Prozent
  • Die in Europa erzeugte Milchmenge ist im Zeitraum von 2010 bis 2014 gleichfalls angestiegen: von 149,33 Millionen Tonnen auf 160,71 Millionen Tonnen - also rund 11,38 Millionen Tonnen mehr und eine Erhöhung um 7,08 Prozent
  • Im März dieses Jahres lag der EU-Milchpreis bei durchschnittlich 31,6 Cent pro Kilogramm Milch - das sind sechs Prozent unter dem Schnitt der vergangenen fünf Jahre
  • Deutschland und Frankreich produzieren zusammen etwa 40 Prozent der Milchmenge in der EU
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